Schulen für Kranke in NRW – MINT-Bildung im Ausnahmezustand

Viele Kinder und Jugendliche können aus gesundheitlichen Gründen für längere Zeit nicht am regulären Schulunterricht teilnehmen. Doch auch erkrankte Schüler:innen haben in Deutschland ein Recht auf schulische Bildung. Deshalb gibt es an den meisten Kinderkliniken eine Schule für Kranke. Die Ferdinand-Krüger-Schule in Bochum-Linden ist eine solche Schule. Seit zwei Jahren gehören hier neben den regulären schulischen Fächern auch berufsorientierende MINT-Kurse zum Programm, denn die Ferdinand-Krüger-Schule arbeitet eng mit dem zdi-Netzwerk IST.Bochum.NRW zusammen. Eine Erfolgsgeschichte. 

Von anhaltenden Entwicklungsstörungen über Persönlichkeits- und Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu schweren Depressionen – die jungen Patient:innen der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Helios St. Josefs-Hospital in Bochum-Linden haben unterschiedliche psychische Probleme. In der Klinik werden sie darin unterstützt, sich zu stabilisieren, es wird gemeinsam nach Lösungswegen für den weiteren gesunden Lebensweg gesucht. Befindet sich ein Kind oder ein:e Jugendliche:r länger als vier Wochen in klinischer Behandlung, dann ist der Besuch einer Schule für den oder die Erkrankte obligatorisch. Der Unterricht an der Ferdinand-Krüger-Schule ist für die Patient:innen dabei ein Stück Normalität und die Möglichkeit, möglichst nahtlos in der Stammschule anknüpfen zu können, sobald sie wieder am regulären Unterricht teilnehmen können. Die Möglichkeit, den Lernstoff weiterhin bearbeiten zu können, ist für die Patient:innen sehr wichtig, denn durch das Fernbleiben vom Regelunterricht und dem damit entstehenden Leistungsdruck könnten psychische Erkrankungen durchaus noch verstärkt werden.

MINT-Workshops – eine willkommene Abwechslung vom Klinikalltag

Seit 2019 arbeiten die Klinik, die Ferdinand-Krüger-Schule und das zdi-Netzwerk IST.Bochum eng zusammen, um den Kindern und Jugendlichen besondere Lerninhalte anzubieten. Die praxisorientierten MINT-Kurse und -Workshops des IST.Bochum bieten den jungen Patient:innen dabei eine willkommene Abwechslung vom Klinikalltag: „Kinder und Jugendliche in Tageskliniken haben meist einen durchgeplanten und oft auch anstrengenden Klinikalltag. Therapiesitzungen, Schule und abends auf dem Flur kurz mit anderen Patient:innen austauschen“, so Raphaela Meißner, Leiterin des zdi-Netzwerks IST.Bochum.NRW. „MINT-Angebote können dabei helfen, diesen Standard-Alltag aufzubrechen. So kam uns gemeinsam mit Gaby Klussmann die Idee, den Schüler:innen neben dem Regelunterricht auch außerschulische Bildungsangebote anzubieten.“

Schulen für Kranke in NRW

Befindet sich ein Kind oder ein:e Jugendliche:r länger als vier Wochen in klinischer Behandlung, dann ist der Besuch einer Schule für den oder die Kranke verpflichtend. Insgesamt gibt es in Nordrhein-Westfalen 61 Schulen für Kranke.

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Gabi Klussmann – Foto: Privat

Gaby Klussmann war viele Jahre Lehrerin der Heinrich-von-Kleist-Schule, an die das IST.Bochum angedockt ist. Vor vier Jahren wechselte sie an die Ferdinand-Krüger-Schule, die sie durch Besuche eigener Schüler:innen kennenlernte. Zusammen mit 11 weiteren Kolleg:innen unterrichtet Klussmann die Patient:innen in den sogenannten Kernfächern, also in Mathematik, Deutsch und Englisch. Je nach Schulform können weitere Fremdsprachen oder Wahlpflichtfächer hinzukommen.

Wir wollen unsere Schüler:innen so unterrichten und fördern, dass sie in den schulischen Hauptfächern möglichst den Anschluss nicht verpassen und problemloser in den Schulalltag zurückkehren können.“ Die Lehrmaterialien werden Klussmann und ihren Kolleg:innen von den jeweiligen Stammschulen der Schüler:innen zugeliefert. In einigen Fällen stellt das Team der Ferdinand-Krüger-Schule die Aufgaben für den jeweiligen Lernstand individuell zusammen. 

Da wir an der Ferdinand-Krüger-Schule unseren Fokus auf die Kernfächer richten, haben wir nach Möglichkeiten gesucht, den Schüler:innen ein zusätzliches Lernangebot zu bieten. Und so kam die Idee der Zusammenarbeit mit dem IST.Bochum auf“, so Klussmann. Die Kursinhalte werden vom IST.Bochum konzipiert, durchgeführt werden die Maßnahmen dann von Mitarbeiter:innen des zdi-Netzwerks in der Ferdinand-Krüger-Schule, unter Anwesenheit von Sozialpädagog:innen aus der Klinik und teilweise auch von Lehrkräften der Schule. „Wir sind sozusagen die schwer interessierte Aufsicht“, fügt Klussmann lachend hinzu. Notwendige Sicherheitsvorkehrungen werden im Vorfeld getroffen und die Referent:innen gebrieft. Grundlegend nehmen an den Kursen nur Schüler:innen teil, die in einer stabilen Verfassung sind.

Modellhaus – Foto: Ursula Thielmann

Zukunftsperspektiven im MINT-Bereich

Bei der Konzeption der Kurse steht der Spaßfaktor im Vordergrund, erklärt Klaus Trimborn, Mitarbeiter des IST.Bochum: „Wir möchten den Schüler:innen Kurse anbieten, die inhaltlich jeden und jede packen und begeistern. Kurse, die auch nicht-MINT-affine Schüler:innen ansprechen. Deswegen stehen bei den Kursen an der Ferdinand-Krüger-Schule das selbstständige Arbeiten, Kreativität und Spaß im Vordergrund, weniger das Programmieren. Wir haben bspw. Lego- oder Modellhausbaukurse umgesetzt.“ Nebenbei werden den Schüler:innen Zukunftsperspektiven im MINT-Bereich angeboten, denn die Angebote des IST.Bochum sind berufsorientierend angelegt und werden mit zdi-BSO-MINT-Mitteln finanziert, ergänzt Raphaela Meißner: „Der Spaßfaktor ist wirklich sehr wichtig, dann funktioniert Studien- und Berufsorientierung automatisch.“

In den vergangenen zwei Jahren wurden sechs Kurse umgesetzt: vier während der Schulzeit und zwei in den Ferien. Das Angebot richtet sich dabei bislang überwiegend an Schüler:innen der Sekundarstufe I: „In dieser Phase können die Schüler:innen am meisten von den Kursen profitieren, bspw. mit Blick auf die Leistungskurswahl in der Oberstufe“, so Klussmann. „Deswegen konzentrieren wir uns vorerst auf die Sekundarstufe I. Ideen dazu, die Kurse für weitere Altersstufen zu öffnen, sind aber da.“ Die Möglichkeit, praxisnahe MINT-Kurse besuchen zu können, ist für die Patient:innen eine willkommene Abwechslung. Die Kurse des IST.Bochum sind immer ausgebucht und das Feedback durchweg positiv. „Wir haben festgestellt, dass schüchterne Schüler:innen in den Kursen total aufblühen, selbstständig und schnell Sachverhalte verstehen und mit leuchtenden Augen an ihren Projekten arbeiten“, so Klussmann. „Das ist natürlich gerade im Klinikkontext besonders wichtig, dass die Patient:innen positive Selbsterfahrungen machen können und das Selbstbewusstsein gestärkt wird.

Klaus Trimborn (li.) und Raphaela Meissner (re.).

Coronabedingt mussten einige Maßnahmen in den diesjährigen Osterferien ausfallen, was bei allen Beteiligten für lange Gesichter gesorgt hat. Doch die Planungen für weitere MINT-Kurse an der Ferdinand-Krüger-Schule laufen auf Hochtouren, erzählt Raphaela Meißner: „Sobald es wieder möglich ist, sollen weitere MINT-Workshops mit den Patient:innen umgesetzt werden.

Darüber freut man sich auch an der Ferdinand-Krüger-Schule. „Wir haben gesehen, wie toll die Angebote des IST.Bochum für unsere Kinder und Jugendlichen hier sind“, schwärmt Gaby Klussmann. „Wirklich alle hier sind begeistert. Deswegen wünschen wir uns sehr, dass die Zusammenarbeit weiter bestehen und im besten Fall sogar ausgebaut wird. Es wäre schön, wenn wir mehr Angebote für die unterschiedlichen Altersstufen entwickeln könnten, also auch für Grundschüler:innen und Oberstufenschüler:innen. Wir hatten auch mal rumgesponnen, ob nicht sogar eine wöchentliche Doppelstunde als AG möglich wäre.“ Auch das IST.Bochum ist an der Umsetzung eines regelmäßigen Formates interessiert.

Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten

Die Zusammenarbeit des zdi-Netzwerks IST.Bochum mit der Ferdinand-Krüger-Schule ist eine Bereicherung für alle Beteiligten: Die Patient:innen lernen etwas über MINT und MINT-Berufe und haben außerdem etwas mehr Abwechslung im Klinikalltag, das IST.Bochum erschließt sich eine neue Zielgruppe und setzt BSO-Maßnahmen um, die Schule freut sich über die Erweiterung des eigenen Angebots und die Klinik profitiert von den die Therapiemaßnahmen bestärkenden positiven Selbsterfahrungen der Jugendlichen. Klussmann, Meißner und Trimborn sind sich einig: Das Konzept hat Zukunft. Und das Nachmachen ist ausdrücklich erlaubt.

Hier geht es zur Webpräsenz der Ferdinand-Krüger-Schule: www.ferdinand-krueger-schule.de

Hier gelangen Sie zu den Seiten des zdi-Netzwerks IST.Bochum.NRW: www.ist-bochum.org

Sie möchten mehr über das zdi-BSO-MINT-Programm erfahren? Hier finden Sie alle Infos.

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