Im Interview: Jenny Kociemba und Elita Wiegand, Jurorinnen der zdi-Science League

Gwendolyn Paul von der zdi-Landesgeschäftsstelle spricht mit Elita Wiegand und Jenny Kociemba über ihre Aufgabe als Jurorinnen bei der Science League und darüber, wie Wettbewerbe nicht nur für MINT begeistern, sondern dabei auch MINT-Mädchen-Arbeit leisten können.

Im Gespräch

Gwendolyn Paul
Gwendolyn Paul, Kommunikationsleiterin bei zdi.NRW
Jenny Kociemba
Jenny Kociemba,
Robotik-Coach
Elita Wiegand
Elita Wiegand,
Geschäftsführerin

Gwendolyn Paul: Ich würde gerne mit einer kurzen Vorstellung beginnen. Wer seid ihr und wie ist euer Bezug zu MINT zustande gekommen?

Jenny Kociemba: Ich war schon immer naturwissenschaftlich interessiert und habe auch nach dem Abitur eine Ausbildung zur Chemielaborantin absolviert. Zur Projektbetreuung bin ich gekommen, weil mich die Arbeit meiner und anderer Kinder im hiesigen Schülerforschungszentrum sehr interessiert hat; es gab so viele spannende Themen! Und seit 2016 betreue ich selbst Kinder und Jugendliche mit ihren Projekten im MINT-Bereich. Ich habe damals auch recht schnell mein erstes Roboter-Team übernommen; dabei konnte ich diesen Roboter gar nicht programmieren. Aber das war überhaupt kein Problem. Und später habe ich mir dann selbst das Programmieren beigebracht. In der Folge habe ich dann in Schulen und im Schülerforschungszentrum gearbeitet und verschiedene Projekte betreut: alles, was sich so ergab im naturwissenschaftlichen Bereich, ob Chemie, Biologie, „Jugend forscht“…

Elita Wiegand: Ich habe ein Netzwerk gegründet, die Zukunftsmacher:innen, bei dem wir Menschen zusammenbringen, die die Zukunft gestalten mit ihren Projekten und Aktionen. Ich bin auch sehr stark an dem Thema Urban Farming und Vertical Farming interessiert. Ich habe mich sehr gefreut, als die Anfrage kam, Jurorin bei der Science League zu werden, denn ich bin der Meinung, dass die Mädchenförderung im MINT-Bereich dadurch eine Chance bekommt. Denn das Klischee „Frauen und Technik“ ist immer noch weit verbreitet. Bei der Science League können sich die Mädchen ein Stück weit ausprobieren, ihre Talente und Fähigkeiten zeigen und auch ihren männlichen Mitbewerbern zeigen, dass das geht.

Auf der anderen Seite stelle ich gerade im Bereich Urban Farming – also wo es darum geht, wie wir in einigen Jahren zehn Milliarden Menschen auf dieser Erde ernähren können – fest, dass sich hier viele Frauen tummeln und viel in gemischten Teams gearbeitet wird. Ich denke, gerade für die Zukunft, die Transformation und den Wandel brauchen wir die Frauen.

Gwendolyn Paul: Mir scheint, dass gerade die Jugendarbeit dann ein wichtiger Ansatzpunkt ist? Also nicht nur speziell für Mädchen, sondern generell, um MINT-Bildung nach vorne zu bringen?

Elita Wiegand: Ich sehe Wettbewerbe wie die Science League als große Chance. Gerade auch, wenn es um das Thema Vorbilder geht, die oft fehlen und junge Menschen sich die Frage stellen: „Woran orientiere ich mich?“. Ihnen dann die Möglichkeit zu geben, hineinzuschnuppern und Erfahrungen zu sammeln, dann ist ein Weg in die Zukunft eröffnet und das finde ich sehr wichtig.

Jenny Kociemba: Auf jeden Fall. Ich denke auch, dass gerade das Reinschnuppern ein ganz wichtiger Punkt ist, um nicht nur zu erkennen, was mich interessiert, sondern auch, was ich überhaupt kann. Und das müssen wir schon im jungen Alter wirklich voranbringen.

Screenshot der Gesprächsrunde zwischen Jenny Kociemba, Gwendolyn Paul und Elita Wiegand

Die zdi-Science-League

Gwendolyn Paul: Lasst uns ein bisschen auf die Science League eingehen: Was passiert da überhaupt und warum ist es wichtig?

Jenny Kociemba: Es haben sich verschiedene Teams beworben, die jetzt diesen Wettbewerb durchlaufen, indem sie sich an fünf Spieltagen immer eine Teilaufgabe vornehmen, um nachher zu diesem Vertical oder Urban Farming zu kommen. Im ersten Spieltag am 13. Februar ging es um alternative Energiegewinnung. Später wird es dann auch darum gehen, diese Energie zu speichern, wenn wir sie nicht weiterverwenden. Dann geht es damit weiter, ein Gewächshaus oder etwas Ähnliches zu bauen, das dann auch mit einer Steuerung versehen wird. Dass die Aufgaben aufeinander aufbauen, finde ich ein sehr interessantes Konzept. Dadurch hat man einen Anfang, um in ein Thema reinzukommen. Und man kann sich über längere Zeit mit einem Thema und verschiedenen Aspekten davon auseinandersetzen. Wir sind gespannt, was bei den Teams noch passiert.

Elita Wiegand: Ich war auch ganz erstaunt über die ersten Ergebnisse. Denn gerade bei Vertical Farming oder der urbanen Produktion spielt Energie eine riesige Rolle und im Moment gibt es dabei noch viele Herausforderungen. Zum Beispiel, wenn man weiß, dass gerade die LED-Beleuchtung in den Farmen enorm viel CO₂ schluckt und es auch für vieles andere noch keine gute Lösung gibt. Deswegen war ich ganz erstaunt, dass die Schülerinnen und Schüler so gute Lösungen entwickelt haben. Energiewende ist nicht gerade mein Spezialthema, muss ich gestehen, und ich war beeindruckt, mit welcher Kreativität und Fantasie die Teams an die Aufgaben gehen. Wie Jenny es richtig sagt, es ist eben ein Herantasten an die verschiedenen Elemente, die so eine Farm ausmachen. Und ich hoffe, dass dieser Wettbewerb dazu führt, dass wir in Deutschland endlich stärker in das Thema einsteigen.

Gwendolyn Paul: War es eine Herausforderung die Ergebnisse vom ersten Spieltag zu bewerten?

Elita Wiegand: Nein, für mich nicht. Bei dir Jenny?

Jenny Kociemba: Ich fand es schon herausfordernd, weil wir so sehr unterschiedliche Arbeiten reinbekommen haben. Es gab auch verschiedenste Ideen, wie man alternative Energie gewinnen kann.

Elita Wiegand: Richtig, ja, das stimmt.

Jenny Kociemba: Photovoltaik kam, glaube ich, bei fast allen vor. Aber wir hatten auch die Idee, mit Wasserkraft zu arbeiten oder mit Geothermie. Und ich bin wirklich gespannt, wie die Teams da jetzt weitermachen.

Gwendolyn Paul: Wie ist eure Rolle in der Jury und wie ist euer Prozess bei der Bewertung?

Elita Wiegand: Ich fand das für mich selbst einen sehr spannenden Prozess. Nicht zuletzt deshalb, weil ich selbst auch etwas gelernt habe. Und es gab so kreative Dinge wie einen Podcast oder tolle Zeichnungen. Es waren schon sehr unterschiedliche Beiträge. Die Bewertung hat dann Zeit beansprucht, weil sie eigentlich alle gut waren, fand ich.

Jenny Kociemba: Es ist tatsächlich gar nicht so leicht, solche Projekte zu bewerten. Ich mache das ja auch in anderen Wettbewerben und es kostet immer Zeit und gibt Diskussionsbedarf, weil einem ja auch das Spezialwissen fehlt. Wir sind in der Science League Jury sehr gut aufgestellt, was unsere Fachbereiche angeht. Dr. Petr Tulka ist beispielsweise unser Experte für Energiegewinnung. Philipp und Stefan Lindner sind tatsächlich schon selbst im Bereich Urban Farming unterwegs. Die können natürlich noch mal ganz anderes Wissen einbringen. Und ich würde mir wünschen, dass der Austausch in der Jury noch weiter zunimmt. Denn ich finde ihn sehr gewinnbringend.

Zwei Frauen und ein Roboter arbeiten in einem Gewächshaus, das von Solarstrom und Windanlagen betrieben wird.

Science-League und MINT-Mädchen-Arbeit

Gwendolyn Paul: Habt ihr das Gefühl, dass die Science League dazu beitragen kann, einen gleichberechtigteren Zugang zu MINT-Themen zu erreichen?

Jenny Kociemba: Was Mädchen wichtig ist, wenn es um Technik geht, ist: „Wie kann ich sie anwenden?“. Dieser Anwendungsaspekt ist Mädchen ganz wichtig, das sagt auch die Wissenschaft. Und wenn man eine solche Science League hat, in der man sagt: „Es geht nicht darum, irgendetwas Tolles zu bauen. Sondern wir brauchen nachher ein Gewächshaus, das funktioniert. Zeigt uns, dass ihr dafür Energie gewinnen könnt“, das ist dann ein Bereich, der – denke ich – Mädchen anspricht.

Elita Wiegand: Es gibt natürlich auch andere Möglichkeiten, Mädchen MINT näher zu bringen. Zum Beispiel über Ferienjobs, Mentorinnen oder eben auch Praktika. Aber bei den Wettbewerben ist es ja schon eine MINT-Förderung, wie sie besser gar nicht geht. Und ich denke, dass wir in Zukunft in einem ganz erheblichen Maße Bedarfe haben werden. Wir brauchen Frauen und Mädchen, die Talente mitbringen, die wir benötigen, wie Kommunikation und effektive Arbeitsorganisation. Das sind Bereiche, die meiner Ansicht nach in der Wirtschaft gebraucht werden und ich glaube, dass solche Wettbewerbe ein Anfang sind. Auch – und das finde ich wichtig -, dass die Jungen mitbekommen, wo die Fähigkeiten liegen. Denn es sind ja auch die gemischten Teams, die ausmachen, was wir brauchen und bei denen man sieht, wo man sich gegenseitig ergänzt. Ich glaube, solche Wettbewerbe tragen dann dazu bei, Vorurteile, die Jungen vielleicht noch mit sich herumtragen, abzubauen, wenn sie feststellen, was für tolle Ergebnisse in der Zusammenarbeit entstehen.

Gwendolyn Paul: Wir hatten im letzten Jahr ein großes MINT-Mädchen-Camp, in dem wir zusammen mit Schülerinnen erarbeitet haben, wie Angebote gestaltet sein sollten, damit sie Lust darauf haben. Und ein zentraler Aspekt, der dabei herausgekommen ist, war Teamplay. Also Kommunikation, Austausch und Teamwork. Seht ihr das in der Science League gewährleistet?

Jenny Kociemba: Dadurch, dass die Teams gemeinsam an eine Aufgabe herangehen, ergibt sich der Aspekt von selbst. Es gibt nicht diese Aufteilung wie bei anderen Wettbewerben: Da müssen dann Aufgaben sowohl im Bereich Robotik als auch in einem Forschungsbereich abgedeckt werden. Oft teilen sich die Teams so auf, dass die Mädchen den Forschungsbereich bearbeiten. Diese Aufteilung gibt es bei der Science League nicht, alle arbeiten gemeinsam an einem Thema. Es können sich alle einbringen und es ist viel Kommunikation notwendig, um nachher zum Ergebnis zu kommen. Von daher kann ich deine Frage nur mit „Ja“ beantworten.

Elita Wiegand: Ich teile die Meinung von Jenny voll und ganz und muss gar nichts mehr hinzufügen. Ganz wunderbar formuliert und ausgedrückt.

Gwendolyn Paul: Habt ihr Tipps, wie man Geschlechterklischees im MINT-Bereich abbauen kann?

Elita Wiegand: Na ja, also ich bin ja schon ein bisschen älter und kenne noch die Zeit, wo das ganz schwierig war. Aber ich erlebe die Klischees auch heute noch, also diesen schrecklichen Satz „Frauen und Technik“. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, das Mädchen und junge Frauen sich einfach durchsetzen und sagen: „Wir können das!“. Gott sei Dank hat sich das schon verändert – da bin ich ganz happy drüber -, dass ich heute wahrscheinlich sehr viel mehr Chancen hätte, auch im wissenschaftlichen Bereich zu arbeiten. Und ich glaube, dass Mädchen, die neugierig auf MINT-Themen sind, sowas einfach machen. Egal, was andere Männer sagen oder die Eltern. Die Zukunft bietet unglaubliche Möglichkeiten, einfach Dinge auszuprobieren. Das halte ich für wichtig, also dass alle Zukunftsmacher:innen werden.

Jenny Kociemba: Ein anderer Aspekt ist, dass Mädchen sich das trauen müssen. Dass sie das Gefühl haben, dass sie das können. Wenn ich eine Person bin, die Wert darauf legt, dass ich Sachen kann, schon bevor ich an etwas herangehe, dann ist das eventuell schwierig. Denn gerade Projektarbeit zeichnet sich dadurch aus, dass ich nicht weiß, was am Ende herauskommt. Ich muss mich einarbeiten, muss Fehler machen, diese korrigieren und dadurch weiterkommen. Und das müssen wir den Mädchen beibringen, dass sie das auch können. Nur weil Jungs sich oft leichter an Dinge herantrauen, heißt das nicht, dass sie sie besser können.

Elita Wiegand: Gut, dass du das sagst, Jenny!

Jenny Kociemba: Und ich frage mich dann: Warum trauen sich die Mädchen nicht? Und da spielen sicherlich auch die Eltern mit rein. Ich hatte das Glück, dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, wo keine Unterschiede zwischen meinem Bruder und mir gemacht wurden. Mein Vater hat mir genauso gezeigt, wie man das Fahrrad und die Gangschaltung auseinandernimmt. Das musste ich genauso machen wie mein Bruder. Und ich glaube, dass es wichtig ist, in Familien darauf zu achten, dass nicht automatisch Rollen eingenommen werden. Dass man als Mutter nicht sagt: „Papa macht das“. Oder zu dem Mädchen: „Du kannst das nicht.“ – so dass das Mädchen nachher denkt: „Die Mama kann das nicht, dann kann ich das vielleicht auch nicht so gut.“ Und dass man Mädchen auch in der Schule zeigt: Ihr könnt das! Wenn ihr Interesse an bestimmten Themen habt – wie Elita schon sagt – dann sucht euch Angebote zu dem, was euch interessiert.

Gwendolyn Paul: Seht ihr euch selbst als Vorbilder?

Jenny Kociemba: Ich denke, ich werde zum Vorbild, weil ich einfach das tue, was ich tue. Ich zeige, dass ich Interesse an den verschiedensten Themen habe. Ich arbeite mich in ein Thema ein und zeige den Mädchen dadurch, dass das möglich ist.

Elita Wiegand: Ich bin Zeit meines Lebens selbstständig und unterstütze Frauen und Mädchen, weil ich weiß, dass der Weg manchmal hart ist. Und es ist auch so, dass Männer einem manchmal quer schießen. Sich dann zu behaupten und ein Selbstwertgefühl zu entwickeln, das möchte ich gerne weitergeben. Ich glaube, dass die Zukunft weiblich sein wird – das haben vor einigen Jahren schon Zukunftsforscher prognostiziert, aber so ganz ist es noch nicht eingetreten. Aber bei den Themen, die jetzt besonders stark kommen, wie Klimawandel oder KI, da spielt der soziale Aspekt eine Rolle und Frauen haben eine andere Sicht darauf. Es geht nicht um Konkurrenz, sondern um ein Miteinander, um ein Team. Ob ich ein Vorbild bin, weiß ich nicht, aber ich unterstütze Frauen, wo es geht.

Gwendolyn Paul: Möchtet ihr noch eine Botschaft loswerden?

Elita Wiegand: Meine Botschaft wäre, dass sich Mädchen und junge Frauen nicht unterkriegen lassen sollen. Sondern einfach im Bewusstsein groß und erwachsen werden, dass wir genauso gut sind wie Männer.

Jenny Kociemba: Und ich finde es wichtig, dass Mädchen ihre Perspektive und ihre Denkweise in diese doch immer noch männerorientierten Projekte mit reinbringen. Wir brauchen Frauen in diesen Projekten, die sagen: „Ja, das ist schön, aber wofür ist es sinnvoll?“. Und dafür brauchen wir Mädchen.

Gwendolyn Paul: Ich bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch und wünsche euch viel Erfolg bei der weiteren Jury-Arbeit! Und wir sind alle sehr gespannt auf die weiteren Spieltage der zdi-Science League.

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