Interview: Carmen Köhler, Astro-Abenteurerin und Botschafterin für KI und Digitalisierung

Das Foto zeigt Carmen Köhler, die in die Kamera lächelt.
© Carmen Köhler

Im Interview zum zdi-Heldinnen-Oktober haben wir mit Carmen Köhler gesprochen. Ihr Lebenslauf ist alles andere als langweilig: Sie ist gelernte Friseurin, deren Leidenschaft für Mathematik sie zu einer Promotion in Physik führte. Heute forscht sie am Baskischen Zentrum für Klimawandel zu den Wechselbeziehungen zwischen Mensch, Gesellschaft und Natursystemen, führt als Analog-Astronautin Forschungen für künftige Mars-Missionen durch und gründete mit der P3R GmbH ein Unternehmen für Wetter- und Erdbeobachtungsdaten-Services.

Im Interview haben wir mit ihr über ihren Weg vom Friseursalon in die MINT-Forschung gesprochen, warum Mut nicht die Abwesenheit von Angst bedeutet und darüber, welchen Herausforderungen wir uns auf der Erde und auf dem Mars zukünftig stellen müssen. Das Interview findet Ihr auch auf unserem YouTube-Kanal @zdi.NRW

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Was ist eigentlich eine Analog-Astronautin?

Gwendolyn Paul: Als erstes muss ich natürlich direkt nachfragen: Was macht eine Analog-Astronautin eigentlich genau?

Dr. Carmen Köhler: Analog-Astronaut:innen sind Wissenschaftler:innen, die auf der Erde in marsähnlichen Regionen Marssimulationsmissionen durchführen. Das bedeutet, wir betreiben Forschung für spätere Missionen zum Mond oder zum Mars. Dazu haben wir auch einen Raumanzug-Simulator, der 50 kg wiegt. Das ist für mich immer eine ganz große Herausforderung, denn man trägt diesen Anzug um die vier Stunden, während man in dieser marsähnlichen Umgebung unterschiedliche wissenschaftliche Experimente durchführt.

Zwei Astronauten in Raumanzügen in der Wüste.
©OeWF Florian Voggeneder

Wenn man für etwas brennt, dann ist man auch gut darin

Gwendolyn Paul: Ich habe gelesen, dass in deiner Schulzeit Mathe und Physik gar nichts für dich waren und du dir diese Fächer nicht zugetraut hast. Wie kam es dazu, dass du dich trotzdem für ein Mathematik-Studium entschieden hast?

Dr. Carmen Köhler: Mathematik hat mir eigentlich schon immer viel Spaß gemacht. Aber Mathe zu studieren, das habe ich mir nicht zugetraut. Ich war schüchtern und nicht so selbstbewusst und dachte: So schlau bin ich nicht. Abgesehen von der Mathematik habe ich mich immer schon für die Maskenbildnerei interessiert und Haare geschnitten, seit ich zehn war. Deshalb habe ich dann nach dem Abitur erstmal eine Frisör-Ausbildung gemacht. Als Frisörin war einer meiner Kunden ein Wirtschaftsprofessor aus Berlin. Beim Smalltalk kamen wir darauf, was ich gerade lese. Damals las ich ein Buch über einen mathematischen Beweis, über Fermats letzten Satz. Das hat ihn sehr beeindruckt und als ich ihm sagte, dass ich mir ein Mathematik-Studium nicht zutrauen würde war seine Antwort: „Wenn man für etwas brennt, dann ist man automatisch darin gut.” Das hat mich so sehr motiviert, dass ich neben der Ausbildung begonnen habe, Mathe zu studieren und danach auch noch eine Promotion in Physik gemacht habe. Da ich in der Schule damals Physik abgewählt hatte, musste ich für die Promotion erstmal Physik für Abiturienten nachholen.

Gwendolyn Paul: Die Vorstellung, dass Mathe und Physik nichts für sie sind, teilen ja viele Mädchen oder junge Frauen. Was brauchen wir da, um diese Vorstellung in den Köpfen zu ändern?

Dr. Carmen Köhler: Vor allem Unterstützung. Ich glaube, wenn man junge Menschen, die sich für etwas begeistern, in ihrer Begeisterung unterstützt, ist schon viel gewonnen. Denn per se sind die jungen Menschen neugierig! Wenn wir mit Open Roberta oder der Roberta Initiative mit jungen Mädchen und Frauen programmieren, dann leuchten die Augen, sie sind voll dabei und programmieren super. Die Herangehensweise von Jungen und Mädchen finde ich persönlich oft nicht so unterschiedlich. Es kommt auf die Persönlichkeit an. Ich glaube es ist wichtig, die Neugier zuzulassen, zu unterstützen und niederschwellig einzusteigen. Wenn jede einmal die Möglichkeit hatte das Programmieren aus erster Hand kennenzulernen, kann sie später nicht mehr sagen: „Ich kann nicht programmieren.”, denn sie hat es ja schonmal gemacht.

Den Zugang zu MINT erleichtern

Gwendolyn Paul: Wo bieten sich für dich Einstiegsmöglichkeiten in MINT-Themen, die für alle offen sind?

Dr. Carmen Köhler: Im Open Roberta Lab sehe ich eine niedrigschwellige Einstiegsmöglichkeit. Es ist eine offene Open Source Umgebung im Internet, wo man einfach per Drag and Drop programmieren kann. Unterschiedliche Roboter und Mikrocontroller sind per Simulation zugänglich. Man muss keinen richtigen Roboter zuhause haben, sondern kann alles online machen und das kann wirklich jeder.

Dazu haben wir auch unterschiedliche Videos gemacht, zum Beispiel „Code For Space”, wo es eine Astronautinnen-Mission gibt. Dabei haben auch die Astronautinnen Insa Thiele-Eich und Susanna Randall mitgemacht. In den Videos geben wir einen Einstieg ins Programmieren mit Calliope. Wenn wir zu diesem Programm Workshops gegeben haben, gab es oft Interaktionen mit jungen Frauen und Mädchen, die eigentlich etwas ganz anderes werden wollten, aber nach dem Workshop auf jeden Fall Astronautin werden wollten.

Gwendolyn Paul: Also in der Praxis anfassen, ausprobieren können – das ist der Schlüssel?

Dr. Carmen Köhler: Ich denke schon. Denn dieser Moment, in den man etwas ausprobiert und dann merkt: „Es klappt doch!”, der zeigt einem auch: „Ich kann das!”. Und in diesem Moment hat man dann die Angst überwunden und den Mut gefunden, einfach etwas auszuprobieren. Dafür muss man aber manchmal auch an die Hand genommen werden.

Auf Marssimulationsmission

Zwei Astronauten stehen neben einem Geländefahrzeug in der Wüste.
© OeWF Florian Voggeneder

Gwendolyn Paul: Was gehört zu dem Training für eine analoge Marsmission dazu und welche Skills braucht es dafür? Es sind ja sicher auch Soft Skills vonnöten, um eine solche Mission zu bestreiten?

Dr. Carmen Köhler: Absolut! Ich fange mal mit den Skills an. Für mich persönlich sind zwei Sachen am wichtigsten: Zum einen Humor. Besonders wenn man tagein, tagaus viel gearbeitet hat und müde ist, ist es super, Humor zu haben. Zum anderen ist wichtig, dass man gut mit Konflikten umgehen kann. Das heißt, es sofort anzusprechen, wenn etwas vorgefallen ist. Bevor es zu einem größeren Problem wird. Gleich zu sagen: „Das fand ich nicht so cool.” oder „Können wir das vielleicht ändern? Können wir das beim nächsten Mal anders machen?”. Solche Sachen direkt offen anzusprechen, das ist wichtig. Dafür braucht man dieses Zwischenmenschliche.

Gwendolyn Paul: Das ist total spannend, weil das genau die Faktoren sind, die Mädchen für bestimmte MINT-Berufe begeistern. Wenn klar wird, es geht nicht nur um das Jonglieren mit Zahlen, sondern es geht um Teamarbeit. Es geht darum, gemeinsam etwas zu entwickeln. Es geht darum, Konflikte auszuhalten und zu klären. Ich finde es spannend, dass du diese Erkenntnisse auch aus deinem Feld bestätigen kannst.

Dr. Carmen Köhler: Absolut! Ich glaube, dass man in jedem Beruf Teamfähigkeit und Kommunikation anwenden kann. Denn nur durch Kommunikation kann man wirklich etwas bewirken. „Teamwork makes the dream work”, sage ich auch immer gerne. Als Chefin von einer Firma und auch als Teammanagerin von über 20 Personen merke ich einfach: Wenn man miteinander kommuniziert, wenn man im Team zusammenarbeitet, dann kann man Sachen nach vorne bringen.

Gwendolyn Paul: Kannst du noch mal beschreiben, was man bei einem Training für eine analoge Mission genau macht? Wie kann man sich das vorstellen?

Dr. Carmen Köhler: Wir haben ganz unterschiedliche Trainings. Ganz am Anfang, 2015, vor der ersten Marssimulationsmission, bei der ich dabei war, hatten wir ein halbes Jahr lang Training. Da wurden wir auf die unterschiedlichsten Sachen vorbereitet. Wir haben die Technik gelernt, die hinter dem Raumanzugsimulator steckt und wurden auch in der Geschichte der Raumfahrt geschult. Das war ein ganz ausführliches Training für uns Analog-Astronauten.

Und dann gab es die missionsspezifischen Trainings. Das war 2015 am Kaunertaler Gletscher. 2018 waren wir einen Monat im Oman, 2022 waren wir in Israel. Nächstes Jahr, im März 2024, sind wir einen Monat in Armenien. Da haben wir dann 15 unterschiedliche Experimente, die wir durchführen werden. Und auf diese Experimente werden wir bei den Trainings geschult.

Welche Themen bewegen die Raumfahrt?

Gwendolyn Paul: Gibt es ein Thema, das die Raumfahrt aktuell und in der nahen Zukunft besonders beschäftigen wird und mit dem ihr euch auch auseinandersetzt?

Dr. Carmen Köhler: Da gibt es unterschiedliche Aspekte, die wichtig sind. Vor allem wenn wir zum Mars oder zum Mond fliegen möchten. Die Psyche des Menschen ist ein solches Thema. Wenn wir zum Mars fliegen, dauert das sieben Monate. Da ist man dann mit dem Team für sieben Monate auf begrenztem Raum zusammen und man muss psychisch funktionieren. Dementsprechend ist es sehr wichtig, vorher zu wissen: Was unterstützt die Menschen. Zu dem Thema haben wir also Experimente. Für die Psyche ist es zum Beispiel sehr gut, wenn man etwas Grünes hat, etwas Lebendiges, was man wachsen sieht. Entsprechend haben wir auch Experimente zu Gewächshäusern.

Was sehr wichtig ist, sobald wir den Planeten erreicht haben, ist die Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Dabei schauen wir, wie wir die Maschinen bestmöglich einsetzen können, um uns das Leben leichter zu machen.

Gwendolyn Paul: Gibt es ein Thema in der Raumfahrt, woran du ein besonderes persönliches Interesse hast?

Dr. Carmen Köhler: Da gibt es zwei Dinge, die mich besonders interessieren. Zum einen ist es das Thema Nachhaltigkeit. Wenn wir ins Weltall fliegen, befinden wir uns in einer Umgebung, in der wir Nachhaltigkeit praktizieren müssen. Wenn wir zum Beispiel auf der Internationalen Raumstation sind und uns die Haare waschen – oder vielmehr die Haare mit Wassertropfen benetzten – dann verdunstet dieses Wasser in die Filter, wird gefiltert und dann wieder als Trinkwasser zur Verfügung gestellt. Das passiert auch mit anderen Flüssigkeiten, die gefiltert und wieder zur Verwendung bereitgestellt werden. Dort erlernen wir, wie wir Nachhaltigkeit praktizieren können. Und dadurch lernen wir auch viel für spätere Marsmissionen, wo wir schauen müssen: Wie können wir auf uns selbst gestellt Nahrung, Flüssigkeit, Sauerstoff usw. erzeugen?

Das zweite Thema, das mich sehr interessiert, ist der ganze Bereich um Robotik und künstliche Intelligenz. Wenn wir zum Mars fliegen, gibt es eine Zeitverzögerung in der Kommunikation. Bei unseren Missionen simulieren wir eine Zeitverzögerung von zehn Minuten in die jeweilige Richtung. Dementsprechend ist man viel autonomer, autarker, muss fähig sein, Dinge zu beherrschen, ohne auf direkte Unterstützung von der Erde hoffen zu können.

Carmen Köhler steht in einen Weltraumanzug gekleidet nachts vor einem Gebäude.
©OeWF Florian Voggeneder

Zukunftsvision: Städte auf dem Mars?

Gwendolyn Paul: Denken wir mal weit in die Zukunft: Städte auf dem Mars – ist das denkbar?

Dr. Carmen Köhler: Meines Erachtens ist das absolut denkbar! Ich glaube, dass Städte insbesondere in Lavakanälen machbar sein werden. Die eingebrochenen Lavakanäle sieht man auch ganz gut auf Satellitenbildern. Dort könnte man ganz hervorragend Habitate hineinbauen, denn man wäre vor der kosmischen Strahlung und der Strahlung von der Sonne geschützt. Auf dem Mars gibt es eine viel dünnere Atmosphäre als auf der Erde. Die Erdatmosphäre schützt uns vor Strahlen wie der UV-Strahlung, das gibt es auf dem Mars aber nicht. Außerdem gibt es Mikro-Meteorite, die auf dem Mars einschlagen und die Lavakanäle könnten auch davor Schutz bieten.

Mut ist, wenn man’s trotzdem macht

Gwendolyn Paul: Zum Abschluss würde ich gerne noch mal auf das Thema Mädchen und MINT kommen. Gibt es eine Botschaft, die du Frauen und Mädchen mitgeben möchtest?

Dr. Carmen Köhler: Einfach mutig sein und machen. Ich mache gerne Sachen wie Gleitschirmfliegen und Fallschirmspringen. Da werde ich dann oft gefragt: „Hast du denn keine Angst?”, oder Leute sagen mir: „Wie toll, dass du keine Angst hast!” Da sage ich dann immer: Nein, ich habe Angst! Aber sobald die Motivation höher ist, als die Angst, dann ist man mutig genug, es zu tun. Also in meinem Fall ist die Motivation, aus einem Flugzeug zu springen, dann höher, als die Angst, die ich auf jeden Fall dabei habe.

Dabei ist es wichtig, daran zu denken: Wir sind alle nur Menschen und wir haben alle Angst vor etwas. Wenn ich vor einem Sprung mit den Menschen offen spreche und selbst sage: Wenn man dann aber in die Kommunikation geht, mit den Leuten redet, offen darüber spricht, wie es einem geht, dann kommt dort auch ganz oft: „Ich bin zwar schon hundertmal aus einem Flugzeug gesprungen, aber heute bin ich so nervös!”. Da merke ich dann für mich, es ist vollkommen in Ordnung, wenn ich selbst auch nervös bin und Angst habe. Mut ist, wenn man es trotzdem macht.

Gwendolyn Paul: Daran musste ich auch grade denken! Kannst du uns noch einen kleinen Ausblick darauf geben, was uns bei deinem Instagram-Takeover am 12. Oktober auf dem zdi-Instagram-Kanal @mintblogger erwarten wird?

Dr. Carmen Köhler: Bei dem Takeover sehen wir ein bisschen was von dem, worüber wir schon gesprochen haben: das Dress Rehearsal eins und zwei. Es geht jetzt in die spezifische Missionsvorbereitung für die nächste Analog-Astronauten-Mission, die Marssimulationsmission in Armenien. Und da nehme ich euch gerne mit und zeige, wie wir uns auf diese Mission vorbereiten.

Gwendolyn Paul: Da freuen wir uns sehr drauf! Ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche dir viel Erfolg für die analoge Marstouren und wir freuen uns, euch im Heldinnen-Oktober dabei zu haben!

Dr. Carmen Köhler: Ich freue mich auch, vielen Dank!

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